Die Geschichte der Partnerschaft

50 Jahre Städtepartnerschaft Wesel/Hagerstown 
 
Von Martin Wilhelm Roelen
 
Die Landschaft entspricht in ihrem Charakter etwa einer Synthese aus Niederrhein und bergischem Land, ist leicht hügelig und von besonderem Reiz. ... Hagerstown ist eine sehr ansprechende Stadt, macht einen sauberen, gepflegten und wohlhabenden Eindruck mit schönen Gebäuden, Grünanlagen sowie einer glücklichen Mischung von landwirtschaftlichem Hinterland und solider industrieller Basis. So diente der Reeser Oberkreisdirektor Dr. Rolf von Bönninghausen in einem Brief vom 22. Dezember 1951 an den Weseler Bürgermeister Ewald Fournell Hagerstown als Schwesterstadt an. Der Oberkreisdirektor weilte damals mehrere Wochen in den USA, um dort Staat und Verwaltung kennen zulernen. Der Weseler Stadtdirektor Dr. Reuber hatte von Bönninghausen gebeten, während seines Amerikaaufenthaltes doch einmal nach einer geeigneten Schwesterstadt für Wesel Ausschau zu halten und ihn dazu auch mit entsprechenden Prospekten ausgestattet. Trotz eines anstrengenden Besuchsprogramm kam er dieser Bitte nach, kümmerte sich vor Ort (in Washington, D.C.) um eine Schwesterstadt, fand sie und knüpfte sogleich erste Kontakte zum Hagerstowner Bürgermeister Herman L. Mills, wie er bereits am 16. Dezember nach Wesel meldete.
Auf die Möglichkeit eines Schwesterstadtverhältnisses mit eineramerikanischen Stadt hatte der Weseler Bundestagsabgeordnete Dr. Franz Etzel Stadtdirektor Dr. Reuber aufmerksam gemacht. Reuber nahm diese Anregung sofort begeistert auf und wandte sich  wie es seine Art war  umgehend an die dafür zuständige Wohlfahrtsorganisation in New York. Mrs. James Sparkman, die Direktorin bei der Organisation Operation Democracy Town Affiliation erhielt im September 1951 ein ausführliches Bewerbungsschreiben mit  umfangreichem Prospektmaterial.        
 
Die Aufnahme von Partnerschaftsverhältnissen mit amerikanischen Städten war für deutsche Städte nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Möglichkeit einer freundschaftlichen, völkerverbindenden Maßnahme zu einem der ehemaligen Alliierten. Dass das keineswegs Selbstverständlichkeit war, zeigte im Herbst 1951 das Beispiel der Stadt München, die sich ebenfalls um eine Schwesterstadt bemühte, jedoch wegen ihrer NS Vergangenheit als "Hauptstadt der Bewegung“ auf erheblichen, aber letztlich erfolglosen Widerstand bei amerikanischen Juden stieß. München ging eine Partnerschaft mit Cincinnati ein.
Völkerverständigung als Gebot der Zeit nannte 1960 Stadtdirektor Dr. Reuber Dr. Karl-Heinz Reuber rückblickend den Beweggrund für die Aufnahme von Partnerstadtverhältnissen mit anderen Staaten im Allgemeinen und amerikanischen Städten im Besonderen. Nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege sei das Verlangen nach einem Weltfrieden groß und eine internationale Verständigungspolitik wurde allgemein gewünscht. Statt kriegerischer Auseinandersetzungen sollten gute zwischenstaatliche Beziehungen zwischen den Völkern herrschen. Dazu bedarf es Reubers Meinung nach eines Unterbaus engerer Kontakte zwischen Volksgruppen, Gemeinden und Einzelpersonen. Durch solche Begegnungen sollen jedoch die Unterschiedlichkeiten im Leben der Völker keineswegs abgeflacht werden, denn sie haben in ihren Auswirkungen zu unendlich vielen kulturellen und zivilisatorischen Befruchtungen geführt. Es muss jedoch vermieden werden, dass die Unterschiedlichkeiten als Gegensätzlichkeiten betrachtet werden, die leicht als eine Bedrohung der eigenen Existenz aufgefasst werden könnten.
 
Als Basis für solche Kontakte sollten Partnerschaftsverhältnisse, so genannte Schwesterstadtverhältnisse, zwischen amerikanischen und deutschen Städten dienen.
 
Dr. von Bönninghausen reiste noch im Dezember nach Hagerstown und bereitete die Partnerschaft auch im Einvernehmen mit Mrs. James Sparkman von Operation Democracy vor, erstattete stets nach Deutschland Bericht, so dass am Ende seiner Reise die Basis für eine Partnerschaft geschaffen war. Nach ersten offiziellen Briefkontakten zwischen Bürgermeistern Ewald Fournell und Herman L. Mills, fasste bereits am 10. März 1952 die Weseler Stadtvertretung den Beschluss, eine Partnerschaft mit Hagerstown einzugehen. Zur gleichen Zeit wurde in Hagerstown das Verhältnis zu Wesel in einer Verordnung festgelegt.
 
Am 21 . September 1952 verkündete Mayor Mills in Hagerstown auf einer großen Versammlung mit zahlreichen Vertretern der amerikanischen Öffentlichkeit offiziell das Schwesterstadtverhältnis. Aus Wesel anwesend waren die Vorsitzende des Überparteilichen Frauenringes, Renate von Bönninghausen, sowie Fräulein Dr. Ahlerneyer, Redakteurin der Rheinischen Post. ihnen wurde als Sinnbild des Partnerstadtverhältnisses der Stadtschlüssel überreicht.
 
Rat und Verwaltung wussten, dass eine Partnerschaft nicht von oben verordnet werden kann, sondern auch des Rückhaltes in der Bevölkerung bedarf. Folglich vermittelten sie als erstes Briefkontakte zwischen Privatleuten und Schulen bzw. Schülern aus beiden Städten.
 
Besuch in Hagerstown 1954
 
Gestartet werden sollte die Partnerschaft mit einer Ausstellung in Hagerstown, in der sich Wesel umfassend vorstellte; es war die erste Aktion dieser Art bei 45 damals bestehenden Partnerschaften. Die Idee zu einem derartigen 'kulturellen Gedankenaustausch" hatte man in der Weseler Stadtverwaltung bereits 1952 gefasst. Man wollte die Stadt, den Niederrhein, den Kreis Rees, ihre Bewohner, die Geschichte, Kunst, Wirtschaft, den Wiederaufbau und natürlich auch die historischen Beziehungen zu Amerika vorstellen. Geplant war eine große Veranstaltung, die in Wesel für das Hagerstowner Washington County Museum of Fine Arts konzipiert, zusammengestellt, verpackt und so nach Amerika transportiert werden sollte. Dazu gab es einen kleinen, zweisprachigen Ausstellungsbegleiter. Die umfangreichen und teilweise sehr komplizierten Vorbereitungen nahmen zwei Jahre in Anspruch. Im September 1954 konnte man schließlich an drei Tagen öffentlich im Saal der Gaststätte Bauer begutachten, was zur Versendung nach Amerika und Präsentation in Hagerstown vorgesehen war. Danach wurde das Ausstellungsgut nach Amerika verschifft und in Hagerstown bis zum Eintreffen der Weseler Delegation deponiert.
 
Den Aufbau in Hagerstown besorgten die dazu angereisten Vertreter der Stadt Wesel, Bürgermeister Helmut Berckel, Stadtdirektor Dr. Reuber und Oberkreisdirektor von Bönninghausen, die aufgrund exakter planerischer Vorarbeiten die Ausstellung binnen kurzem aufbauen konnten.
 
Feierlich eröffnet wurde die Ausstellung am 3 1. Oktober 1954 vor 600 Gästen. Im Rahmenprogramm wurden auch drei Filme gezeigt, unter anderem einer über Peter Minuit; dieser war kurz zuvor im Auftrag des amerikanischen Hohen Kommissars in Deutschland gedreht worden. Die Veranstaltungen dauerten nur 15 Tage, brach jedoch alle Besucherrekorde und fand große Anerkennung bis hin zum auswärtigen Amt. Betreut wurde die Weseler Delegation während ihres Aufenthaltes vom Hagerstowner „Town Affiliation Commitee“.
 
Der Gegenbesuch 1955
 
 1955 besuchte eine Hagerstowner Delegation, bestehend aus Mayor Winslow F. Burhans mit Frau und Tochter sowie Museumsdirektor Bruce Etchison und seine Frau Wesel.
 
Winslow F. Burhans
 
Die Organisation, die bisher allein von der Verwaltung getragen wurde, sollte nunmehreine breitere Basis erhalten. Dazu gründete man am 10. Juni 1955 die Gesellschaft zur Pflege des Schwesterstadtverhältnisses Hagerstown/USA  Wesel/Deutschland e.V. mit einem vorläufigen Vorstand bestehend aus Bürgermeister, Stadtdirektor und Oberkreisdirektor. Zur konstituierenden Sitzung waren Vertreter von Parteien, Wirtschaft, Kultur und Sport geladen, um alle wichtigen gesellschaftlichen Bereiche der Stadt mit einzubinden. Zuvor hatte sich schon der Stadtdirektor um einen hochkarätig besetzten achtköpfigen Ehrenausschuss bemüht. Der Gegenbesuch war kostspielig, weil man seinen Gästen etwas bieten wollte, und musste dementsprechend finanziert werden. Tatkräftige Unterstützung bei der Mittelbeschaffung versprach man sich daher von ihren Mitgliedern. Für den Ehrenausschuss gewann die Stadt die beiden ersten Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Wesel Dinslaken, Vizepräsident der Montan Union Dr. Franz Etzel sowie Bundesernährungsminister Dr. Heinrich Lübke, den Düsseldorfer Regierungspräsidenten Kurt Baurichter, den Präsidenten der Industrie und Handelskammer Duisburg Wesel Dr. Heinrich Kost, den in Düsseldorf sitzenden amerikanischen Generalkonsul Patrick Mallon, den Vorsitzenden der Steuben-Schurz Gesellschaft Gregor Geller sowie die beiden Weseler Ehrenbürger Domkapitular Josef Janssen und Pfarrer Johannes Bölitz. Zweck der Gesellschaft war es laut Satzung, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Partnerstädten zupflegen und zu fördern durch Ausstellungen, Austausch auf kulturellem Gebiet sowie durch weitere Maßnahmen, die geeignet sind, das Verstehen der Völker untereinander zu vertiefen. Die Gesellschaft will hierdurch dazu beitragen, dem deutschen Namen in der Welt wieder Geltung und Ansehen zu verschaffen und dient damit ausschließlich und unmittel bar gemeinnützigen Zwecken. 
 
Die Gesellschaft richtete nicht nur Veranstaltungen wie Ausstellungen und Vorträge aus,sondern übernahm auch in den folgenden Jahren in Wesel die Betreuung von Besuchern aus Hagerstown. US Armeeangehörige, Geschäfts-  und Europareisende begaben sich in „ihre“ Partnerstadt, um dort die Gastfreundschaft der Partner zu erleben und ein Stück Vertrautheit in der Fremde zu genießen. Die Hagerstowner Journalistin Libbie Powell, die das Partnerschaftsverhältnis jahrzehntelang mit Interesse und Wohlwollen begleitete, faste 1964 die Empfindungen amerikanischer Gäste auf einer Fahrt von Köln nach Wesel kurz und bündig zusammen: „Das war ein Gefühl, als befänden wir uns auf dem Weg nach Hause.“ 
 
Eine solche Betreuung wurde Weselern natürlich auch in Amerika zuteil. Die Gesellschaft bahnte ebenso für Weseler Amerikareisende Kontakte in Hagerstown an und sorgte ins gesamt über die Jahre ihres Bestehens für eine Intensivierung der partnerschaftlichen Beziehungen.
 
Der Aufenthalt der Gäste war eingebettet in eine "Amerika Festtage" betitelte zweiwöchige Großveranstaltung. Am Beginn der Festtage stand die Eröffnung der Hagerstown Ausstellung im mit 2300 Menschen überfüllten Rathaus am 28. August 1955, die in nur 14 Tagen 31.617 Besucher zählte, rund 2100 pro Tag. Zahlreiche Veranstaltungen wurden durchgeführt. Erstmals gab es in Deutschland eine Arbeitstagung deutscher Schwestergemeinden amerikanischer Städte, an der Vertreter aus 13 deutschen Städten unter dem Vorsitz des Nordamerika Referates des Institutes für Auslandsbeziehungen in Stuttgart teilnahmen. Die um die Pflege deutsch amerikanischer Beziehungen bemühte und in Düsseldorf ansässige Steuben-Schurz Gesellschaft traf sich in Wesel. Am Willibrordi Dom wurde eine Gedenktafel zu Ehren des aus Wesel stammenden Gründers von New York, Peter Minuit, enthüllt. Minuit kaufte 1626 im Namen der Niederländisch Westindischen Gesellschaft als Direktor der Kolonie Neu Niederlande Indianern die Halbinsel Manhattan ab. Er gilt aufgrund dieser Aktion als die Verbindung Wesels zur neuen Weit, mit dem nicht nur in den Fünfziger Jahren nachdrücklich auch in den Vereinigten Staaten Werbung gemacht wurde; dies wurde als um so notwendiger angesehen, als in New York den Bekundungen Dr. von Bönninghausens zufolge niemand mit dem Namen etwas anzufangen wusste.
 
Gutbesuchte Konzerte amerikanischer Militärmusiker und des Weseler Männerchores, eine große Boxveranstaltung. was damals überaus populär war und überragenden Zuspruch fand  , Vorführungen deutscher und amerikanischer Filme über die USA sowie eine Luftsportveranstaltung mit Taufe eines Segelflugzeuges auf den Namen Hagerstown rundeten das Programm ab. Während der Amerika Festtage fand vor allem auch in der noch im Rohbau befindlichen Niederrheinhalle das traditionsreiche Heimatfest der Weseler Bürgerschützen statt. Der Besuch der Hagerstowner war mit Bedacht in die Zeit dieses bedeutenden gesellschaftlichen Ereignisses in Wesel gelegt worden, um es gemeinsam zu feiern und den Gästen auch die fröhlichen Seiten der Partnerstadt nahe zubringen.
 
Ausbildung der Partnerschaft
Der Kraftakt einer Doppelausstellung samtfeierlichen Empfängen in beiden Städten führte in Wesel schon unmittelbar nach Beendigung der Armerika Festtage zur nüchternen Frage, wie es denn nun weitergehen wird angesichts der weiten Entfernung beider Städte und der beiden tollen Feste. War nicht alles erreicht und war man damit nicht schon zu einem Ende gelangt? Die Partnerschaft musste sich nun im Gewöhnlichen beweisen, Alltag werden. Das war schwierig genug, bedenkt man, dass es beim damaligen Lebensstandard für Deutsche sehr kostspielig war, nach Amerika zu reisen. Für Amerikaner war es zwar günstiger, doch das führte nicht dazu, dass nun Gruppen von Hagerstownern nach Wesel reisten. So etwas gibt es erst mit den billigeren Flugmöglichkeiten seit den 1970er Jahren.
 
Ein wichtiges Moment der Partnerschaft sollte ein Austausch  und Besuchsprogramm werden. Schüler, Lehrer und Handwerksgesellen sollten für ein Jahr lang in die Partnerstädte gehen. Vereinbarungen darüber wurden im Rahmen der beiden Besuche getroffen. Bei der Umsetzung waren Schwesterstadtverein und Stadt teilweise auf Mithilfe von Behörden und Institutionen angewiesen.
 
Ein erster Schüler und Jugendaustausch kam schon 1954 zustande. Die Tochter des Oberkreisdirektors, Ingeborg von Bönninghausen, blieb für ein Jahr in den USA und besuchte in Hagerstown das College. Im Jahr darauf war es Sally Burhans, die Tochter des Bürgermeisters, die ein Jahr lang in Wesel die Schule besuchte. Hier lernte Sally Burhans ihren Ehemann, den Rechtsanwalt Karl Heinz Buschmann kennen, den sie 1957 heiratete. Dem in den USA lebenden Paar wurde als so genanntes Schwesterstadtehepaar vor allem in Wesel besondere Aufmerksamkeit zuteil, so bei der Geburt ihrer Tochter Margaret Lisa am 12. Oktober 1962 oder bei Deutschlandbesuchen.
 
Nach diesen viel versprechenden Anfängen dauerte es allerdings bis 1969 bzw. 1972, ehe ein Studenten  bzw. ein Schüleraustausch wieder aufgenommen wurde. Der Weseler Betriebswirtschaftsstudent Hermann Heckmann besuchte 1969 für zwei Monate Hagerstown, während 1972 zwei Schülerinnen aus Hagerstown sechs Wochen in Wesel weilten. Ein regelrechter Schülergruppenaustausch kam erst 1987 zustande.
 
Neben dem Schüleraustausch kam es auch zur Entsendung von Lehrerinnen aus Hagerstown. 1956 kam für ein Jahr Ms. Rachael Sheetz, Aus Wesel ging die Assessorin Dr. Kristine Brosche nach Hagerstown, sie brach jedoch ihren Aufenthalt nach knapp zwei Monaten ab. Wegen des damaligen Lehrermangels unterblieb eine weitere Entsendung von Lehrpersonal aus Wesel, obwohl Hagerstown großen Wert darauf legte, den eigenen, bisher nicht erteilten Deutschunterricht zu fördern. Ein weiterer Austausch von Lehrpersonal in dieser Form unterblieb. Stattdessen gab es gelegentlich mehrwöchige "Gastauftritte" von Lehrern.
 
Eine bemerkenswerte, vorbildliche Verankerung des Schwesterstadtverhältnis unternahmen die Schulen in Hagerstown, in dem sie die Partnerschaft zum Gegenstand "heimatkundlichen Unterrichts` machten.
 
Immerhin gelang es 1958 nach erheblichen Schwierigkeiten und mit Unterstützung der Carl Duisberg Gesellschaft, den jungen Handwerksgesellen Günter Langner nach Amerika zu entsenden. Er arbeitete in Hagerstown als Schreiner und besuchte auch das Junior College. Weitere Versuche einer Entsendung von Handwerkern scheiterten.
 
Ms. Sheetz besuchte mehrfach Wesel, so auch zum zehnjährigen Partnerschaftsjubiläum. Sie durfte aus diesem Anlass am 24. August 1962 ein neues Ruderboot für die Sportjugend der Weseler Ruder  und Tennisgesellschaft auf den Namen "Hagerstown" taufen.
 
Momente einer Partnerschaft
 
In den folgenden Jahren wurde das Schwesterstadtverhältnis durch kleinere Veranstaltungen und Maßnahmen immer weiter etabliert. Als größeres Ereignis wurde im September 1956 in Wesel eine kulturell geprägte Amerika Woche veranstaltet. Es wurden beispielsweise eine Ausstellung mit Reproduktionen bedeutender Gemälde aus drei Jahrhunderten amerikanischer Malerei gezeigt, einige Konzerte gegeben und ein Filmabend abgehalten. Zur Eröffnung im Lichthof des Rathauses überreichte Ms. Rachael Sheetz, erste Austauschlehrerin am Städtischen Mädchengymnasium, als offizielle Vertreterin ihrer Stadt das Hagerstowner Thank you Wesel" Buch mit 13.000 Unterschriften aus der Partnerstadt. Erstmals hielt auch die Autobücherei des Amerikahauses 'Ruhr` aus Essen in Wesel.
 
Im Jahre 1956 zeichnete die American Public Relations Association Hagerstown für das Schwesterstadtverhältnis Hagerstown/Wesel als ein Bahnbrechendes Beispiel der Völkerverständigung aus. Hagerstown wurde für diese Pioniertat der `Silberne Amboss" (Silver Anvil) verliehen. Diese Auszeichnung wurde jedes Jahr auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens zuerkannt, erstmals aber an eine Gemeinde für die hervorragende Pflege guter internationaler Beziehungen.
 
Der erste amerikanische Fernmeldesatellit, der interkontinentale Gespräche übermitteln konnte, wurde am 10. Juli 1962 in den Orbit befördert. Das kugelige, Telstar genannte Fluggerät war 77 kg schwer, hatte einen Durchmesser von 86 cm und war so populär, dass die britische Gruppe "The Tornaclos» ein Jahrzehnt später noch nach ihm einen Instrumentaltitel benannte. Zum zehnjährigen Jubiläum der als besonders erfolgreich gewürdigten Partnerschaft Wesel/Hagerstown sollten die beiden Partnerstädte mit einem ersten Telefongespräch den Satelliten für Deutschland offiziell in Betrieb nehmen. Dieses geschah in der Tat, obwohl es eigentlich nicht ganz so geplant war: Tatsächlich sollten Berlin und New York das erste Telefonat führen und dann erst die beiden Schwesterstädte folgen. Aufgrund einer technischen Panne kam es dann jedoch anders. Am Abend des 26. Juli 1962 versammelten sich im Lichthof des Weseler Rathauses neben den Offiziellen der Stadt zahlreiche Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen sowie Weseler Bürger, um dieses Ereignis live mitzuerleben. Um 0.42 Uhr war es endlich soweit. Bürgermeister Winslow Burhans begrüßte in deutscher Sprache die Bürger Wesels und gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass durch den Telstar die Städtefreundschaft offensichtlicher und vertieft werde. Danach antwortete Bürgermeister Kurt Kräcker:
 
"Hallo, Mayor Burhans, herzlichen Dank für ihre Grußworte. Ich bin glücklich, dass die Stadt Wesel als erste Stadt der Bundesrepublik über ihr Wunderwerk 'Telstar" mit seiner Schwesterstadt sprechen kann. Zuletzt sahen wir uns im vorigen Jahr in New York, als der Gründer dieser Weltstadt, der in Wesel geborene Peter Minuit, als "Deutscher des Jahres" geehrt wurde. Damals hätten wir beide wohl nicht gedacht, dass wir uns sobald und anlässlich eines solchen historischen Ereignisses widersprechen würden.
Ich darf ihnen und allen Bürgern ihrer Stadt die herzlichsten Grüße der Weseler Bürgerschaft und auch von mir persönlich übermitteln und sie schon jetzt zum 200jährigen Bestehen der Stadt Hagerstown beglückwünschen. Möge ihre Stadt weiterhin wachsen, blühen und gedeihen."
 
Nach stürmischem Beifall der Anwesenden übermittelte Stadtdirektor Dr. Reuber ebenfalls seine Grüße an Hagerstown.
Die Pioniertat von einst ist heute eine Selbstverständlichkeit; die Satellitenverbindung zwischen Deutschland und den USA ist Alltag geworden.
 
Zur Präsentation der Partnerschaft im öffentlichen Raum werden nicht nur Schilder mit den Namen der Partnerstädte am Ortseingang aufgestellt. In beiden Partnerstädten erhielten Straßen die Namen des jeweiligen Partners. Anlässlich des Besuches von Mayor Varner L. Paddack wurde 1980 die Borkener Straße in Hagerstownstraße umbenannt. Während des Besuches von Bürgermeister Wilhelm Schneider und Stadtdirektor Erwin Meier im Jahre 1990 erhielt eine rund drei Kilometer lange Straße den Namen Wesel Boulevard.
 
Schon 1962 brachte man in Wesel am Rathausturm eine Bronzetafel zum zehnten Jahrestag des Schwesterstadtverhältnisses an; die Gestaltung dieser Tafel ging auf einen Schülerwettbewerb an Weseler Schulen zurück. Im Jahr darauf wurde im Lichthof des Mathena Rathauses eine Vitrine mit Erinnerungsstücken errichtet, die heute im Foyer des Rathauses steht. In der City Hall von Hagerstown erinnerte bereits seit 1961 eine Vitrine an die Partnerschaft mit Wesel. 
Zwanzig Jahre nach dem historischen Telstar Gespräch kommt es zum 30. Geburtstag der Partnerschaft zu einem erneuten öffentlichen, telefonischen Austausch zwischen den Bürgermeistern Wilhelm Schneider und Don Frush. Das Gespräch ist Ausdruck unproblematischer Kontaktaufnahme und gewachsener Freundschaft und zeigt, dass hier alte Bekannte und Freunde ein Stück Normalität zelebrieren. 
 
Als besonderes Ereignis verdient sicher die Heirat des Mayor Steven T. Sager hervorgehoben zu werden. Das Brautpaar hatte im September 1986 Wesel besucht, als Bürgermeister Haubitz seine Kollegen aus Felixstowe und Hagerstown gemeinsam eingeladen hatte. In Duisburg hielt damals der Hansebund der Neuzeit seinen Hansetag unter anderem zum Thema `Internationale Städtepartnerschaften` ab. Der Besuch brachte als positives Ergebnis die Initiierung eines Schüleraustauschprogramms und die Idee zur Hochzeit in Wesel. Nachdem erhebliche bürokratische Schwierigkeiten überwunden waren, feierte Sager am 1 . Januar 1987 seinen Polterabend in der Waldschänke und heiratete am folgenden Tag vor dem Weseler Standesbeamten seine Braut Caroll Hirss. Trauzeugen waren Bürgermeister Volker Haubitz und Richard Holland, Bürgermeister von Felixstowe, der britischen Partnerstadt Wesels.
 
 Gratulanten zur Hochzeit von Mayor Sager
 
Zum 750 jährigen Stadtjubiläum im Jahre 1991 erhielt Wesel als 'Geburtstagsgeschenk` von Hagerstown zwei Eichen, Felixstowe stiftete ebenfalls eine Eiche sowie eine Parkbank. Bürgermeister Wilhelm Schneider pflanzte die drei Eichen am 7. Juni 1991 vor dem Bahnhof. 
 
Die Suche nach einer Partnerstadt in Europa  neben der mit Hagerstown   war während der gesamten 60er Jahre immer wieder Thema in Wesel. An der Beziehung zu Hagerstown wurde öffentlich   wie schon im Jahrzehnt zuvor   noch immer kritisiert, dass es sehr kostspielig sei, nach Amerika zu gelangen und sich dort aufzuhalten; Begegnungen in der Fremde wären damit nur wenigen, meist `Prominenten` bzw. den `öffentlich Finanzierten` vorbehalten. Reisen von Gruppen allerdings, das war schon in den 50erJahren allen in Wesel klar, würde es nicht geben. Eine dahingehende Veränderung der Einkommensverhältnisse und Reisemöglichkeiten hatte man damals nicht für möglich gehalten. 
 
Zu Beginn der Siebziger Jahre schien das Interesse der Öffentlichkeit an der Partnerschaft zu erlahmen. Die Veranstaltung zum zwanzigsten Bestehen im November 1972 die Annerika Woche mit Ausstellungen, Musikveranstaltungen, Vorträgen und vielem mehr waren nur gering besucht, sowohl von der Bürgerschaft wie von Vertretern der Stadt. Der Veranstalter, die Schwesterstadtgesellschaft, stand nach dem Rücktritt ihres Vorsitzenden Willi Breuer im Jahre 1973 vor einem Umbruch. Zudem gab es Unstimmigkeiten zwischen der Stadt und der Gesellschaft, weil die Aufforderung des Vereins, die Stadt solle das Schwesterstadtverhältnis beleben, ebenso wenig Gehör fand wie die eigenen Vorschläge dazu. Die Gesellschaft öffnete sich nun auch anderen Partnerschaften und suchte auf diese Weise, neue Zeichen zu setzen. Die neue Partnerschaft zu Felixstowe in Großbritannien führte zur Änderung des Namens in Weseler Städtefreundschaften e.V. Die Neuorientierung brachte jedoch keine Belebung des Vereins, so dass sich die eigentlich mitgliederstarke Gesellschaft am 25. Mai 1976 auflöste; die Pflege des Schwesterstadtverhältnisses ging auf Beschluss des Rates wieder in die Hände der Stadt über. Die Auflösung der Gesellschaft bedeutete natürlich nicht das Ende der Städtepartnerschaft, sondern nur das Ende des das Verhältnis koordinierenden Vereins. Es gab weiterhin Kontakte, zum einen offizielle Besuche in Hagerstown und Wesel und zum anderen zahlreiche von Privatleuten und Vereinen organisierte Begegnungen. Hierzu zählen insbesondere der Fusternberger Männergesangverein `Eintracht', das Konrad Duden Gymnasium sowie die Bürgerschützen, worüber noch im Einzelnen berichtet wird.
 
Mittlerweile hat sich zur aktiven Freundschaftspflege ein neuer Verein, die Partnerschaftsvereinigung Wesel Hagerstown (USA) e.V., konstituiert. Auf Betreiben von Pfarrer Albrecht Holthuis haben sich dazu am 14. September 2000 im Gemeindezentrum der Lauerhaaskirche Vertreter der Stadt, des Fusternberger Männergesangvereins, des Gymnasiums, der Bürgerschützen wie auch Privatleute zusammengeschlossen.
 
Eine Städtepartnerschaft besteht nicht nur aus spektakulären Ereignissen. Das zeigen die nunmehr zurückliegenden 50 Jahre. Das Gewöhnliche sind persönliche Begegnungen, Lehrer  und Schüleraustausch sowie Besuche einzelner Bürger und Gruppen in den Partnerstädten. Auch auf offizieller Ebene traf man sich, insbesondere zu den runden Geburtstagen der Partnerschaft oder zu wichtigen Ereignissen in den Städten. 50 Jahre ist mittlerweile die Partnerschaft Wesel/Hagerstown alt. Fragt man sich heute, ob die Erwartungen, die man daran geknüpft hat, sich erfüllt haben, so muss dies uneingeschränkt bejaht werden. Manches lief sicher nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte. Die Partnerschaft hat aber gezeigt, dass sie über die Jahre ihre eigene Dynamik mit vielen Hochs und Tiefs entwickelt und vor allem eines stets bewiesen hat: Sie lebt! 
 
 
 
Literatur
 
Das Schwesterstadtverhältnis Hagerstown USA Wesel Deutschland. Ein Gesamtbericht der Gesellschaft zur Pflege des Schwesterstadtverhältnisses Hagerstown USA  Wesel/Deutschland e.V, [von Karl Heinz Reuber] Wesel 1960. 
Heinrich Peitsch: Wesel. Freunde, Paten und Partner Wesel 1966. 
35 Jahre Partnerschaft Hagerstown Wesel. Konzertreise der Fusternberger Sänger 19. bis 31. October 1987   35 Years of Twinning Hagerstown Wesel. Concert Tour of Hagerstown and other American towns of the Fusternberg Men's Choir 19th 3 1 th October 1987, Wesel 1987. 
Stadtarchiv Wesel C5/3/9-12 Schwesterstadtverhältnis Wesel Hagerstown Bd 1-8